Boxen für 2,99
„Es sind noch fünfzehn Minuten“, schepperte die Stimme vom Manager in die Umkleidekabine des Herausforderers im Titelkampf um die Meisterschaft im Schwergewicht. Der junge Boxer Steven „Hammerfist“ Brunck – Hammerfist aus dem Grunde, wenn es ihm erst mal gelang seine Faust zu platzieren, hämmerte diese seinen Kontrahenten auch wirklich in den Boden und auf der Einschlagstelle wuchs kein menschliches Haar mehr, welches ihm bisher seinen Kampfrekord von 13 Siegen hintereinander eingebracht hatte , 2 davon allerdings durch Disqualifikation und die weiteren, weil sein Management wirklich schwache Gegner für ihn ausgesucht hatte -, schaute sich seine Handbandage an und fing an zu schwitzen, als stünde er bereits im Ring. Es war der Moment seines Lebens und eine Chance, die sich alle Profiboxer erhoffen und nur die wenigsten bekommen. Axel Schulz war einer dieser Glückspilze, dessen Meisterschaft kläglich an der geschwollenen Stirn des alten George Foreman gescheitert war, und dessen Punsch zu nicht mehr gut war als Fliegen vom Gesicht zu verjagen. Die Unruhe die von Steven „Hammerfist“ ausging war die, er wusste dies war der erste wirkliche Gegner seiner Karriere und sollte er versagen wäre sie vorbei. Steven boxte nicht nur, sondern er spielte auch leidenschaftlich gerne Texas Five Poker. Er hatte sich einige Spielschulden beim Buchmacher eingehandelt (er war nicht der größte Stratege auf dem Filztisch) und dieser Fight war die zwingende Möglichkeit von diesen Debitorenberg wieder runter zu steigen.
Vor der Tür der Umkleidekabine lauerte die Presse und das Fernsehen, was Steven noch nervöser machte, als er schon war. Er ging im Zimmer auf und ab wie ein eingesperrter Tiger und versuchte nicht daran zu denken, was alles von diesem Kampf abhing. Ständig hatte er das Bild von seinem Buchmachers vor Augen – einer von der Sorte, der erst die Knochen brach und dann die Forderungen stellte, und von seiner jungen Verlobten, der er öfter als einmal versprochen hatte mit dem Spielen aufzuhören, und die schon fort wäre, wüsste sie, dass er sein Versprechen schon längst wieder gebrochen hatte. Das war Stevens Eigenschaft, Leidenschaft im Spiel, Aggressionen im Ring und Flatterigkeiten in Beziehungen.
„Es geht los“, tönte jemand vom Team und unter dem vom Fighter gewünschten Hit von LL Cool J’s Rap „Mama gonna knock you out“, mehr hüpfend als gehend, bewegte sich Hammerfist zum Ring; umgeben von einer Wabe von Promotern und Assistenten und seinem Manager. Der Kampf fand in Hamburg statt und sein Gegner war niemand geringerer als Vitalus „ Dr. Eisenfaust“ Kitschko. Der Fight wurde von der Presse hochgespielt und aufgrund beider Beinamen als „Kampf der Fäuste“ tituliert, was eigentlich jeden Boxkampf ausmacht. Man hätte es auch „Das große Fisting“ nennen können, hätten sich die Werber aufgrund der Zweideutigkeit nicht dagegen entschieden…
Michael Buffer, der gekrönte und bestbezahlte Pronouncer in Titelkämpfen, echote den Namen von Kitschko, während Steven schon in im Ring stand, und die Halle unter den zermürbenden Buhrufen der Fans betreten hatte. Niemand, ausser Steven und den nervösen Mann in der oberst-hintersten Reihe der Tribüne, ahnte was heute Abend noch passieren würde. Kitschko betrat die Arena. Die Menge der Fans fing an zu jolen, einige hielten dem Weltmeister Autogrammkarten hin, als ob er diese wirklich mit den dicken Handschuhen unterschreiben könne, und wiederum andere versuchten wenigstens den Körper ihres Idols zu berühren. Die Ringseile wurden auseinander gehalten und der Meister betrat den Kampfplatz. Steven war weiterhin am schwitzen und sah in das berauschte Publikum, die nun klatschten und vereinzelt den Namen ihres Idols in den Lärm gröllten, als würden sie den Champ persönlich kennen, und versuchte das Gesicht seines Mitspielers zu finden.
And now Ladies and Gentlemen give a due of respect for the challengers national anthem of the United Kingdom, bufferte es heraus. Das Publikum stand größtenteils auf, bis auf einige hartgesottene Respektlose, und lauschte God Save the Queen…
And now Ladies and Gentlemen, die Stimme von Michael wurde fast pathetisch, the national anthem of the Wooooorldchampion, Mr. Vitaluuuuus Kitschko – die Stimme des Moderators war schon beinahe liebevoll- the anthem of the Ukraaaiineeeee… Es hielt die Zuschauer nicht mehr auf den Plätzen, und man hätte denken können, dass Stalingrad bis zum Norden Deutschlands reichte.
Die Auftaktzeremonie zum Kampf war ebenso psychologisch-leidenschaftlich abgeschlossen worden wie die einderthalb stündige Einleitung (andauernd unterbrochen durch Werbung für Luxusgüter), mit der Vorstellung des Gegners, einigen Aufnahmen vom vorbereitenden Training, präsentieren des Helden, Bilder vom Wiegen und der Presseerklärung der Kontrahenten (wie immer mit sportlich feindseliger Haltung, dass selbst Beleidigungen fallen dürfen), und natürlich fehlte auch nicht das Madigmachen des Gegners durch sichtbares aufzeigen seiner Schwächen, seien sie technisch oder privat. Bis der Hauptkampf begann – die Vorkämpfe um kleinere Titel von Namenlosen waren ebenso uninteressant wie die Schale von Gurken und wurde grundsätzlich nur den Gästen auf den Ränken präsentiert; es war ja nicht der Hauptevent.
Es versteht sich von selbst, dass die Kameras die Personen einfingen, die durch Magazin und Fernsehen bekannt sind (die Auswahl reichte von Models, Sportlern bis zu Rotlichtgrößen, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch ein Schauspieler darunter zu finden war), um auch deren erlauchteste Einschätzung dem Fernsehgast darzustellen. Ebenso notorisch war auch der Kommentar, der mitfiebernden Ehefrau vom Weltmeister Natal Kitschko, die in verzeihbarem Deutsch beteuerte „Wie toll sie ihre Mann liebe“ und immer hofft, dass er heil nach Hause kommt, was ebenso verzeihbar erscheint aufgrund der Berufswahl des Gatten.
Die Spannung füllte den Raum wie Doppel D Brüste einen BH. Es war soweit. Die sich nicht gladiierenden wurden aus dem Ring gebeten, bis auf den Schiedsrichter, der von nun an zwei menschliche Kolosse umschwirren würde wie eine hungrige Mücke ein schlafendes Ehepaar. Thats entertainment and very good business. Bier und Spiele. Die Strahler erhellten den Ring wie der hellste, wolkenlose Tag im Sommer und Eisenfaust und Hammerfist blickten sich noch mal mit grimmigsten Augen ins Gesicht. Wahrscheinlich stellten sich die beiden die zerbeulten Visagen des Gegners vor, oder dass der eine der anderen Familie in schändlichster Weise geschändet hätte , oder vielleicht, dass der eine mit der anderen Liebsten ein widerwärtiges Verhältnis bildete. So, oder so ähnlich, heizte man sich selbst ein. Man trennte sich wieder und ging in seine Ecke.
DING-DING first round.
Die modernen, mit Bandage und Handschuh bewaffneten Gladiatoren fingen an sich im Reglement zu umtanzen. Das Publikum wollte Blut sehen. Aber weil die Eintrittskarten manche Monatsgehälter übertrafen, bitte nicht zu schnell K.O. gehen, man wollte ja ein möglichst langes Kampferlebniss. Steven Brunck nahm den ersten Kontakt zum Körper des 40jährigen Gegners auf, natürlich nicht ohne die Deckung zu vernachlässigen. Punsch Punsch… Führhand, Rechte… aber bloß sich nicht den Stil des Weltmeisters aneignen, der durch seine Erfahrung und Reichweite, schulbuchunmässig, die Führhand zum Punschen und Distanzhalten benutzte und die gefürchtete Linke angewinkelt zum Körper trug.
…Kitschko… Führhand, Führhand, Distanzhalten, Distanzhalten, und nicht vergessen den Rückwärtsgang in den Füssen… wartend lauernd, bis die Linke plaziert werden kann.
…Brunck… Führhand, Deckung -bloß keine Linke kassieren- Führhand, Deckung -er ist der Weltmeister- Führhand, Deckung -irgendwann passt mein Hammerfist schon in das Spiel-.
Die Kontrahenten testen die Grenzen des anderen aus, den jetzt war es ernst und es galt die in Aufzeichnungen studierten Schwächen des Gegners zu finden und seine Stärken zu meiden.
DING-DING die ersten drei Minuten waren um und beide Dogen ließen voneinander ab und begaben sich ordnungsgemäß in ihre Ecke… streng nach Reglement, man ist ja nicht im Mittelalter.
Die Pause im Ring läutete den Geldbeutel der Fernsehanstalten ein… WERBUNG (natürlich am teuersten in den ersten Runden, da diese mit Sicherheit stattfinden… es ist eben nicht jeder ein Tyson oder Roy Jones Junior, die in ihrer Karriere gerne für ein vorzeitiges Ende sorgten)
Werbung verkauft, Kasse gemacht, zurück zum Träger der Einnahmen…
DING-DING second round …ein Bikinigirl trägt noch schnell die Tafel, die die Rundenzahl zeigt… wahrscheinlich für fantasielose Gäste und um noch ein bisschen Femininität in die Männerdomäne zu bringen… – ob six-pack-boys die Schilder beim Frauenboxen tragen entzieht sich meinem Wissen.
Der Hocker wird aus dem Ring gehebelt und die Kontrahenten gehen wieder im spezifischen Tanz aufeinander los.
…Brunck, mit wutschnaubenden Gedanken… Führhand, Führhand, Deckung… Deckung, ahh jetzt past ein Schwinger (ein bisschen Abwechselung für des Weltmeisters Rippen).
…Kitschko, mit konzentrierten Gedanken, wie bei einer Doktorarbeit… Abstand, Abstand, jetzt mal überraschend die Linke -schade nicht passend plaziert- … -oops jetzt hab ich beinah einen Schwinger abbekommen =bloß nicht unterschätzen den Burschen-
…Brunck, Perlen transpirierend… Führhand, Deckung, Schwinger in die Rippen -ich krieg dich schon madig und wenn nicht, dann…-
…Kitschko, mit geistigem Zenauge… Abstand, Führhand… -oops wieder einen in die Rippen bekommen, macht nichts das halte ich nach vierzig Jahren noch aus…
Der Ringrichter tanzt um die Boxer, stets bereit wenn sich die Beiden mal kurz wie ein Liebespaar umarmen, um sie schnell wieder auseinander zu bringen bevor man sich küsst.
Die Zeit vergeht schneller als man Limonade leert, wenn man gebannt am Bildschirm klebt…
DING-DING zweite Runde vorbei…
WERBUNG… KATSCHINCK DIE KASSE…
Um es abzukürzen, die 3. und vierte Runde gibt nichts erwähnenswertes her, welches sich von den vorigen unterschieden hätte; ein Zeitsprung in die fünfte Runde. Kitschko lag durch saubere Technik vermutlich vorn, und es wäre ja auch nicht das erste mal, dass selbst im Sport – der alternde Kitschko war Träger von 3 Titeln und war seit Jahren unbesiegt- nicht alles gerecht zu ginge.
Die fünfte Runde wurde vom fünften reizvollen Girl eingeleitet – man muss ja alle Geschmäcker treffen und bei der Kasse ist die Promotiongage der Haut einer Schönheit ein Rotz im Meer des Geldbeutels.
fifth round!
DING-DING
Brunck bemerkte, dass es wohl nicht ohne seinen Zweitplan funktionieren würde und gab das vereinbarte Zeichen. Er ging zurück und griff mit seiner linken Hand nach dem Ringseil. Soweit der Plan. Der Knopf war gedrückt. Hoffentlich war es dem Komplizen nicht entgangen?! Sonst hätte Brunck demnächst Besuch von fünf seiner Sorte mit einem grinsenden Buchmacher im Hintergrund…
Unbemerkt vom Richter, Kamera und Publikum drückte der Hintermann – gut einen zu haben bei einem so sportlichen Wettkampf-, auf den Auslöser von einem fürs bloße Auge, und sei es eine Linse einer modernen Fernsehkamera, unsichtbaren Laserpointers; der in seiner Beschaffung und Bezahlung so aufwendig war wie ein asiatischer Ferrariaufsatz für eine Käferkarosserie.
Brunck dirigierte seinen Gegner geschickt in die Richtung, dass die Blendungsmassnahmen auch Tragweite hatten. Und tatsächlich. Es glückte. Für einen Bruchteil einer Sekunde war Kitschko auf einem Auge blind und der Hammerfist mähte sich in den Kinn des Weltmeisters. Dr. Vitalus fing an zu taumeln, wie kurz nach einer Weisheitszahnbehandlung in voller Wirkung der Narkotika. Das war worauf Brunck gehofft, gezählt, gebetet hatte. Noch schnell einen Hammerfist hinterher und der Meister lag auf den Brettern, die die Welt eines sich schlagenden Millionärs bedeutet.
Der Ringrichter fing an zu zählen, aber die Wirkung des Schlages ließ den Champion das anzählen nur wahrnehmen, als sei sie durch eine Wolldecke genuschelt.
Der Clou war perfekt. Der neue Weltmeister mit drei Schwergewichtstiteln hieß unbestreitbar: Brunck. Hatte man diesen Anfänger unterschätzt? Er rieß die Arme in die Höhe und schaute dem entsetzen Publikum direkt in die Augen. Einige standen auf und versuchten noch einmal einen Blick auf ihren gefallenen Cäsar zu erhaschen, der sich immer noch nicht von seiner Behandlung erholt hatte. Brunck warf Kussfäuste in Richtung seiner angereisten britischen Fans.
Michael Buffer ging in die Ringmitte und konnte, nachdem er sich das OK der Jury holte, den Sieger verkünden. Es war ein offensichtliches KO, kein technisches.
Mit jodelden Worten teilte er den Zuschauern mit wer der neue Weltmeister war. Niemand ahnte etwas von dem Fraud. Brunck ließ sich bejubeln – jetzt schlossen sich auch deutsche Ex-Klitschko-Fans dem gröllenden Jubel für den neuen Helden der Arena an…
Kameras zeigten den Geschändeten und die Bilder schwengten zwischen Sieger und Besiegten hin und her. Dem Opfer kam sein Team zu Hand, half im auf und der Ringarzt diagnostizierte seinen vorläufigen Zustand. Nach ein paar Blicken mit einer Lampe in die Augen wusste konnte er die Schwere des Hirntraumas feststellen. Der Hammerfist dankte seinen Fans und sagte ohne Gewissensbisse, dass er jetzt bewiesen hatte, dass er der bessere Boxer war und er sich bei allen bedanken wollte, die ihn diese Nacht ermöglicht hatten. Seinen Manager, seinem Team und natürlich vergass er seine Frau nicht, die den Kampf, aufgrund von einer Schwangerschaft im dritten Monat, von zu Hause aus verfolgt hatte, um dem Ungeborenen die Aufregung und die Luft einer menschengefüllten und schweißdampfenden Arena zu ersparen.
Die Zeitungen liefen am Abend noch auf Hochdruck. Die Nachrichten hatten jetzt ein Thema. Der Underdog hatte den König vom Thron gestoßen. Die Auflage konnte erhöht werden und diejenigen, die nicht live dabei gewesen waren, würden zumindest doch einen Bericht in marktschreierischer Fassung im Boulevardblatt lesen wollen, insofern es sie anspräche. Es war ein Titelblatt wert.
Was erst drei Tage nach dem Kampf passierte und selbst den neuen Champ in den Boden der Schande sinken ließ wie Urin im Plumpsklo war, womit auch der Betrüger niemals gerechnet hatte, dass im Publikum ein Fotograf eine neue Spezialfilterlinse auf seiner Kamera hatte um Kunstbilder von dem Fight zu machen. Zur Freude Kitschkos und zum gesellschaftlichen KO für Brunck hatte diese Linse dies spezielle Spektrum des Laserpointers erfasst und im Bild festgehalten.
Es wurde eine Untersuchung des Vorfalles eingeleitet und weckte erneut verkaufswirksam das Interesse für den vergangenen Kampf. Woher kam dieser merkwürdige noch nie gesehene Lichtpunkt?
Die Untersuchung verlief so, dass eine Berechnung des Winkels den wahrscheinlichen Ort der Quelle aufzeigte. Es wurde alles mögliche Material von Hobbyfilmern eingeholt. Die Bilder wurden am Computer ausgewertet und bearbeitet. Man fügte technisch den feinen Filter in das gesammelte Filmmaterial. Und dann tatsächlich! Es wurde jemand entdeckt, der sich sehr auffällig verhielt und von dem diese Lichtquelle ausging. Man verkleinerte die Pixelzahl und erkannte den Mann, der versteckt in der Ecke die Lichtquelle in den Ring warf. Wer war dieser Mann?.
Die bearbeitete Aufnahme ließ deutlich erkennen, es war Bruncks Schwager.
Der Fall flog auf. Steven wurde von seiner Frau verlassen. Der Kampf wurde nachträglich für ungültig erklärt und er disqualifiziert mit Auflage einer Geldstrafe. Der Schwager ging für 3 Monate ins Gefängnis. Die werbeträchtigen Medien hatten wieder Futter für die einfache Empörung und Faszination von Skandalen, so dass das Publikum selbst noch nach Monaten von diesem sprach. Der arme Steven war halt eben doch nicht der Hellste unter den Sternen.
nicc.cooling Feb. 2012
nopoet.de







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