NOPOET –worlds solution—

poetry by nicc cooling
März 5, 2012

Die Bahnfahrt

Die Bahnfahrt

Ich trete an die Gleise, nachdem ich die Treppen runtergehoppelt bin, wie ein Osterhase, nachdem ich die Bodenmakierung: Ab hier nur mit Bahnsteigkarte; übertreten habe, natürlich ohne Bahnsteigkarte, nachdem ich den Automaten zum lösen einer Bahnsteigkarte passiert habe, natürlich ohne Bahnsteigkarte zu lösen, nachdem ich in die Vorhalle gestürmt bin, um dem Regen zu fliehen, stehe ich jetzt hier an dem Gleis und warte auf meinen Zug.
Mich umsehend erblicke ich den Schnitt unserer Gesellschaft, Alte und Junge, Arme und Mittelverdiener und Reiche, Schicke und Durchschnittliche und Schäbige. Alle stehen sie hier am Gleis und warten; warten auf den Zug, der sie wie eine Schlange verschluckt und sie an ihrer Station wieder ausspuckt.
Sie reden nicht, sie schweigen; bis auf diejenigen die sich kennen. Die anderen schweigen sich an, dabei bin ich mir sicher, dass darunter einige sind, mit demselben Beruf, denselben Erfahrungen, dasselbe Studium, mit vielleicht sogar den gleichen Freunden, die gleichen Ziele, Wünsche und Ängste, vielleicht sogar dem selben Stammbaum, bestimmt sogar, aber sie schweigen, als gäbe es keine Sprache, keine Worte, keinen Erfahrungsschatz und keine Witze; sie machen sich selbst zum Witz, einen einsamen Witz, den der Erzählende sich selbst erzählt, und nicht lacht, da er die Pointe schon kennt; sie schweigen die Größe der Sprache tot.
Vielleicht liegt es daran, dass sie alle in Zugrichtung blicken und nicht in die Augen. Der Vorderste sieht die Hinteren nicht, und die Hinteren, bis zum Letzten, sieht nur Rückenpartien und Hinterköpfe. Wer will sich schon mit einem Hinterkopf unterhalten.
Wir leben im Telekommunikationszeitalter und wir telefonieren wie verrückt, um dieser Einsamkeit in einer Masse zu entgehen:
Ja, Hallo? Ja, wie geht’s dir? Ja, was machst du? Ja, wo bist du? Alles Einleitungscodes der heutigen Fernkommunikation.
Schäbig. Traurig. Zum heulen. Ich habe mich daran gewöhnt und da kommt auch schon der Zug, um der nächsten schweigenden Masse Platz zu schaffen. Ich steige ein. Hier ist es anders und auch nicht. Manchmal sieht man auf einmal Gesichter, erkennt jemanden, und freut sich, nicht allein zu sein. Man wird herbeigewunken und plaudert:
Hallo. Wie geht es dir? Was machst du? Ähnliche Begrüßungsformeln wie beim telefonieren.
Aber heute sehe ich niemand den ich kenne, werde nicht herbeigerufen und bin nicht in Begleitung; ich bin allein. Ich setzte mich hin, die Bahn ist voll, und ich bin froh mich zu setzen.Man sitzt sich in Parzellen gegenüber, es sei den die Bahn ist leer, dann beansprucht jeder eine Parzelle für sich, möglichst weit entfernt von den anderen, als wäre jemand aussätzig. Aber die Bahn ist voll, wir sitzen beisammen.
Ich setze mich und fange an zu denken: Poe ist tot, erschlagen glaube ich, besoffen in der Gosse krepiert, wurde gerade mal 40; Joseph Roth ist tot, am Alkoholismus krepiert mit 44, gleich nach Beendigung seiner Legende vom heiligen Trinker; David Foster Wallace ist tot, hat sich den Galgen als letzten Zeugen seines Lebens gewählt, mit 46; Samuel Becket ist alt geworden, 83, Goethe ist 82 geworden, und mein Held Lessing wurde viel zu früh ermordet, mit 52, Hesse wurde 85 und starb am Schlaganfall, ganz im Gegenssatz zu vielen seiner Freitod romanisierenden Bücher;
Camus ist tot, hat sich mit dem Auto um einen Baum gewickelt, mit 56; Hemingway ist tot, hat es mit 61 nicht mehr ausgehalten und in den Lauf einer Flinte gesehen und abgedrückt, kommt einem Nirvana-fan bekannt vor, war bipolar, wie ich; Poe vermutlich auch, man kann es nur nicht nachweisen, weil es zu dem Zeitpunkt diese Diagnose nicht gab; Jack London war auch Alkoholiker, starb mit 40 an Harninsuffizienz; Auch Hunter Thompson schaute in den Lauf der Flinte, die er als Waffennarr besaß, Peng, mit 67, wenigstens alt geworden, wenn auch verbittert; Truman Capote ist 1984 im Zeichen der Jungfrau gestorben, Überdosis in einer Anstalt circa drei Wochen vor seinem 60. Geburtstag; Friedrich Nietzsche starb mit 55, die Gründe für seine frühes Dahinscheiden sind bis heute mysteriös, wahrscheinlich Schlaganfall nach seiner Lues; Ringelnatz starb mit 51 an Armut im Nationalsozialismus; alles meine geistigen Väter, aber ich lebe noch.

Auf einmal fällt mir mein Gegenüber auf, ein Mitt-Enddreiziger, sieht schräge aus,
irgendwie blöde, ganz verschroben – er trägt eine Brille, die nicht darüber hinweg-täuscht, dass er ganz verstohlene Augen in seinen Höhlen trägt. Er sieht mich an. dumme Augen die mich ansehen. Er lächelt so schäbig, dass es wie ein Grinsen aussieht. Er schaut neben sich und unterhält sich mit seiner Begleitung. Vielleicht seine Tochter. Er hält ihre Hand. Vielleicht ist er ja doch nicht so schäbig. Jetzt streichelt er sie. Ich höre nicht zu wie sie sich unterhalten. Will ich auch gar nicht. Ich lausche lieber meinen eigenen Worten. Auf einmal küsst er sie. Diese Minderjährige. Sie ist naiv. Das sehe ich an ihren Augen. Aber sie scheint glücklich. Ich denke, dass der Mann, dieses Ding mir gegenüber, einfach versaut ist. Er widert mich an. Ich will ihn auf die Sache, diese Unmöglichkeit, hin ansprechen. Aber ich tue es nicht. Es ist viel zu offensichtlich. Er benutzt sie. Und es geilt ihn an, seine Triebe an einem so jungen Mädchen auszuleben. Ich möchte ihm ins Gesicht spucken. Tue es aber nicht. Ich möchte ihn schlagen. Tue es aber nicht. Bin ich feige? Vielleicht. Aber die Anderen sehen es ja auch. Vielleicht ermatte ich an der Gleichgültigkeit der Anderen. Ich wünsche ihm eine Bestrafung. Vielleicht ein Kontrolleur. Wenn er kein Ticket hat, muss er sich den Blicken der Anderen stellen. Ich habe auch kein Ticket. Dann würde ich ihm folgen und auf diese Unmöglichkeit hin ansprechen. Vielleicht auch anspucken. Vielleicht auch schlagen. Je nachdem sein Gebaren ist. Vielleicht zeigt er ja Reue. Dann würde ich an sein Gewissen, seinen Anstand appellieren. Wenn er so was hat.
Meine Station kommt. Er hat Glück gehabt. Ich stehe auf und werfe ihn einen wütenden Blick zu. Er versteht ihn nicht, diesen Blick. Ich wende mich ab. Mit Ekel. Und steige aus. Gott sei Dank, die Bahnfahrt ist vorbei.

Nicholas Cooling

13.07.2011

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